A B C D E F G H I J K L M N O P Q R S T U V W X Y Z
Akkomodation
Phase der Aneignung von Kommunikations- und Interaktionsregeln derjenigen
Kultur, in die man seinen Lebensmittelpunkt verlagert hat. Hierzu zählt
insbesondere die Aneignung fremdkulturellen Wissens, um in der fremden Gesellschaft
handlungsfähig sein zu können. Akkomodation als eine funktionale
Form der Anpassung schließt nicht ein, dass man seine in der Primärsozialisation
erworbenen Werte und Denkweisen ändert.
Akkomodationsfähigkeit
Aneignung von Kommunikations- und Interaktionsregeln derjenigen Kultur, in
die man seinen Lebensmittelpunkt verlagert hat. Die eigenen Werte und Denkweisen
werden dabei nicht aufgegeben.
Akkulturationsbereitschaft
Bereitschaft, nach einer längeren Aufenthaltsdauer im Ausland Werte,
Normen und Denkweisen des Gastlandes zu übernehmen und als eigene zu
deklarieren. Aufbauend auf die Phase der --> Akkomodation
werden infolge eines längeren Aufenthaltes in einer anderen Kultur nach
und nach deren Werte, Normen, Denkweisen etc. übernommen und als eigene
deklariert
Akzeptanzgrenzen
In interkulturellen Kontexten geht es letztlich immer darum, einen gemeinsamen
Nenner als Handlungsgrundlage auszuhandeln, der von allen Beteiligten
akzeptiert wird. Wichtig ist es daher, die entsprechenden Akzeptanzgrenzen
erkennen, formulieren und wahren zu können.
Ambiguitätstoleranz
Fähigkeit, das Spannungsverhältnis zwischen unvereinbaren Gegensätzen
und Mehrdeutigkeiten aushalten zu können.
Assimilation
Angleichung eines Individuums oder einer Gruppe an eine neue Umgebung unter Maßgabe der Veränderung ursprünglicher Identitätsmerkmale.
Der Begriff spielt in Debatten zur Formulierung und Durchsetzung von Leitkulturen eine zentrale - und umstrittene - Rolle. Als liberaler Gegenbegriff
fungiert "Integration".
Beschreibung
Methode der Ethnologie, um Kulturen in ihren Besonderheiten darstellen zu können. Zu den Standardwerken zählt Clifford Geertz' Studie
"Dichte Beschreibung" (1987). Kulturhistorische Analysen ergänzen den Beschreibungs- durch einen Erklärungsaspekt:
Interessant ist nicht nur, wie eine Kultur strukturiert ist, sondern auch aus welchen Gründen sie in einer bestimmten Weise ""funktioniert".
Best of Both
Synthese unterschiedlicher Merkmale zu einem bestmöglichen Merkmalspool. Ouchi hatte in den 80er Jahren zur Optimierung der Ertragssituation der
US-amerikanischen Automobilindustrie vorgeschlagen, die besten US-amerikanischen und die besten japanischen Produktionsmerkmale zusammenzuführen.
Was sich als "Lean Production" bewähren sollte, scheiterte jedoch gerade an dem mangelnden "fit" der kulturell unterschiedlichen Produktionsweisen.
Heute setzt man statt auf Strukturvorgaben auf die Selbststeuerungs- oder Synergiepotentiale von Prozessdynamiken.
Cross Cultural Studies
Im Unterschied zu den interaktionsorientierten "intercultural" Studies Bezeichnung von kulturvergleichenden Ansätzen bes. der Psychologie
und der Ethnologie.
Critical Incident
Kritische interkulturelle Interaktionssituation bzw. interkulturell begründetes Missverständnis.
Culture Assimilator
Kulturassimilatoren zählen zu den am häufigsten verwendeten kognitiven Übungstypen bei interkulturellen Trainings.
Von Harry Triandis in den frühen 1960er Jahren entwickelt, steht immer ein sog. "critical incident", im Mittelpunkt eines Culture Assimilators.
Mögliche Ursachen der im Rahmen einer kleinen Fallstudie beschriebenen Missverständnissituation werden genannt und müssen per multiple-choice-Verfahren
in Hinblick auf ihre Plausibilität eingeschätzt werden. Faktisch gibt es keine "richtigen" oder "falschen" Lösungen,
sondern nur solche, die in Abhängigkeit der kulturellen Perspektive des Beurteilenden mehr oder minder glaubhaft erscheinen. Aus diesem Grund wird
bei den Auswahlantworten der Kulturassimilatoren heute auch immer (zumeist prozentual) angegeben, wie Angehörige der im critical incident
dargestellten kulturellen Gruppen die Plausibilität der Antwort einschätzen.
Culture bound - Culture free
Gegensatzpaar, das sich auf die Kulturgebundenheit z.B. von Konsumgüterprodukten bezieht. Im internationalen Marketing dient dies als Indikator für
die Entscheidung, ob man eher kulturspezifisch oder eher standardisierte Kampagnen durchführt. Weitgehend "culture free" sind Produkte aus
dem IT-Bereich, sehr stark kulturgebunden hingegen Lebensmittel und Hygieneprodukte.
Cultural Due Diligence
Verfahren zur Unternehmensbewertung, das bei internationalen Merger&Acquisition-Prozessen einsetzt wird und mit dessen Hilfe nicht nur finanzielle,
sondern auch kulturelle Aspekte einer möglichen Kooperation beurteilt werden.
Cultural Studies
"Dieser in den 1960er Jahren entstandene interdisziplinäre
[sozialwissenschaftliche] Forschungsansatz kombiniert Soziologie, Filmtheorie,
Literaturtheorie und Kulturanthropologie in der Betrachtung von kulturellen Phänomenen
der Gesellschaft. Wichtiges Anliegen ist das Hinterfragen und Aufspüren
von Ideologien und Identitäten. Dabei werden partikulare und lokale Erscheinungen
auf ihren Zusammenhang mit sozialstrukturellen Merkmalen, wie z. B. Rasse,
Ethnie, Klasse, Schicht, Gender und sexuelle Orientierung, hin untersucht. Cultural
studies erforschen die Bedeutung (meaning) von Gegenständen. Bedeutung
wird produziert, aber je nachdem wie ein kultureller Gegenstand konsumiert wird,
ändert sich dessen Bedeutung. Die Konsumption von kulturellen Gütern ist ein
wichtiger Bestand von Identität. (...).
Im Gegensatz zur Kulturkritik der Frankfurter Schule (Kulturindustrie), in der
die Konsumenten als betrogene Masse dargestellt werden, betonen die Cultural
Studies den kreativen Umgang der Konsumenten mit kulturellen Gegenständen.
Cultural studies befassen sich mit Texten im weitesten Sinn. Das heißt, ein Text
umfasst auch eine Fotografie, einen Film, gesprochene Sprache, die Kleider, die
jemand trägt, oder eine Dose Cola. Texte werden dadurch definiert, dass sie
Bedeutung tragen."
(Wikipedia 2004: Cultural Studies; http://de.wikipedia.org/wiki/Cultural_Studies)
Divergenzbewußtsein
Ein voreiliger oder zwanghaft herbeigeführter Konsens wirkt langfristig
in der Regel negativ, weil er (kulturelle) Unterschiede nur verdeckt, aber
nicht beseitigt. Unterschiedliche Positionen und Standpunkte bewusst zu halten,
ist dementsprechend wichtig, um eine Akzeptanz aller Beteiligten herbeiführen
zu können (--> Konsens)
Divergenzhypothese
Während die Konvergenzhypothese davon ausgeht, dass Globalisierungsprozesse letztlich in einer Aufhebung kultureller Unterschiede münden
("one world culture"), unterstreichen Vertreter der Divergenzhypothese, dass kulturelle Unterschiede auch weiterhin bestehen bleiben.
Eine ausgleichende Position nimmt Robertson mit seiner "Glokalisierungs"-Theorie ein, derzufolge sich konvergente und divergente Entwicklungen
in einem Wechselspiel befinden.
Diversity
(Kulturelle) Vielfalt. Spätestens seit der UNESCO-Deklaration zur kulturellen Vielfalt (2001 vgl. http://www.unesco.de/pdf/deklaration_kulturelle_vielfalt.pdf)
werden Diversity-Konzepte in allen Gesellschaftsbereichen umzusetzen versucht - häufig allerdings im Verständnis einer "political correctness".
Eigenes
Eine Kultur bzw. Lebenswelt wird dann als "eigene" und "nicht-fremde"
bezeichnet, wenn die Kontextbedingungen ein alltagsbezogenes Routinehandeln
ermöglichen, das für den Handelnden durch Plausibilität bzw.
Normalität und Sinnhaftigkeit charakterisiert ist (-->
fremd)
Eisbergmodell
Das in der Kulturwissenschaft gerne verwendete Modell verdeutlich, dass immer
nur ein kleiner Teil kultureller Spezifik sichtbar oder wahrnehmbar ist. Das
Wahrnehmbare selbst (perceptas) ist wiederum Zeichen für
zugrundeliegende (aber als solche nicht sichtbare) Denk- und Handlungskonzepte
(konzeptas):

Hinter identischen Zeichen können sich - kulturspezifisch - durchaus
sehr unterschiedliche Konzepte verbergen. Beispielsweise verweist die Bezeichnung
oder man kann auch sagen: das Zeichen Team im japanischen
Verständnis auf eine Gruppengesamtheit, während im deutschen Verständnis
eher eine Gruppe i.S. der Summe einzelner Individuen gemeint ist. Spätestens
dann, wenn es um die Zuschreibung von Verantwortlichkeit z.B. bei Produktionspannen
geht, offenbart sich die Tragweite der unterschiedlichen Konzepte: im Deutschen
sind individuelle Schuldzuschreibungen möglich, während im japanischen
Verständnis eher das Team als Gesamtes haften würde.
Erst unter Einbeziehung derartiger konzeptioneller Hintergründe wird
eine Kultur erklär- und verstehbar. So wie auf der Ebene der perceptas
das Was einer Kultur beschrieben wird, so ermöglicht die konceptas-Ebene
in einem zweiten Schritt Erklärungen des Warum bestimmter Eigenarten
und Funktionszusammenhänge einer Kultur. Damit kommen letztlich auch
immer historische Perspektiven ins Spiel, die ihrerseits Verknüpfungsmöglichkeiten
bieten und in einem dritten Schritt Kulturen als offene Netzwerke von - sowohl
in der Gegenwart als auch in der Vergangenheit - unendlich vielen untereinander
verbundenen Handlungen verstehen lassen.
Empathie
Einfühlungsvermögen in Bezug auf die Befindlichkeiten und Denkweisen
der fremdkulturellen Partner.
Enkulturation
Auf den Sozialisationsprozess der Herkunftskultur bezogener Erwerb von Werten,
Normen, Sprache, Verhaltensstilen etc. Enkulturation ist stets auf die Primärsozialisation
bezogen, während Akkomodation und Akkulturation hierauf aufbauen und
von daher der Sekundärsozialisation zugerechnet werden.
Erfahrungs-/ Erwartungsdialektik
Zu großen Teilen werden Wahrnehmungen bzw. Erfahrungen durch Erwartungen beeinflusst - und umgekehrt. Auf diese Weise erschließt sich vor allem
die Bedeutung von Sozialisationskontexten für die Herausbildung "spezifischer" kultureller Merkmale.
Ethnoscapes
Von dem Ethnologen Arjun Appadurai Anfang der 1990er geprägte Bezeichnung für transnationale "ethnische Räume".
Gemeint sind damit territorial unabhängig entwickelte Gruppenidentitäten wie etwa das weltweite Netz der Auslandschinesen.
Ethnozentrismus
Der Blickwinkel der eigenen Kultur steht im Mittelpunkt bzw. wird als der
anderen kulturellen Sichtweisen überlegene angesehen. Ethnozentrismus
kann dementsprechend explizit auftreten und im Extremfall zu Fremdenhass führen.
Implizit ist es vorhanden, wenn die kulturelle Spezifik des eigenen Handelns
nicht reflektiert wird (--> Polyzentrismus, -->
Rollendistanz, --> Empathie).
Flexibilität
Bereitschaft, Neues zu lernen, seine eigenen Denk- und Verhaltensschemata
zu korrigieren; Fähigkeit, sich auf ungewohnte/ fremde Situation schnell
einstellen zu können, Spontaneität
Fremd
Fern von, fort und vorwärts sind
die Bedeutungen des germanischen Wortstammes fram-", aus dem sich
unser fremd ableitet. Deutlich ist der Bezug auf den Betrachterstandpunkt,
das Eigene, ohne das es Fremdes nicht geben würde. Vgl. --> Selbstbild/
Fremdbild.
Fremdsprachenkenntnis
Sprache und Kultur bedingen sich wechselseitig, so dass die Kenntnis der Zielkultursprache
auch über den reinen Höflichkeitsgestus hinaus unverzichtbar ist,
um die Kultur verstehen zu können.
Gedächtnis, kulturelles
Gemeinsamer Wissensvorrat eines Kollektivs, aus dem heraus Bedeutungen und Wirklichkeitskonstruktionen generiert werden. Jan und Aleida Assmann,
die wesentlich zur theoretischen Profilierung des "kulturellen Gedächtnisses" beigetragen haben, sprechen auch von einem "Archiv"
tradierten Wissens. Das kulturelle Gedächtnis einer Gruppe ist kommunikativ vermittelt und repräsentiert in seiner Prozesshaftigkeit wesentlich
die Erfahrungs-Erwartungs-Dialektik: Wirklichkeit wird auf der Grundlage tradierten Wissens gedeutet, und das Ergebnis des Deutungsprozesses wird als neue
Erfahrung an die bestehenden Wissensvorräte "angedockt". Wie solche Tradierungsprozesse vonstatten gehen, warum bestimmte Erfahrungen einen
besseren "fit" zu bestehenden Erinnerungs- "Netzwerken" bieten als andere, wird man im Einzelfall allerdings noch nicht einmal
ansatzweise rekonstruieren können. Könnte man es, wäre man in der Lage, das kulturelle Gedächtnis einer Ethnie zu bestimmen, und das
wird auch mit den bestentwickelten informationstechnologischen Mitteln nicht möglich sein.
Habitus
Von dem französischen Ethnologen und Soziologen Pierre Bourdieu geprägter Schlüsselbegriff kulturwissenschaftlicher Forschung.
Bezeichnet wird damit die Alltagskultur von Angehörigen bestimmter sozialer Schichten bzw. deren "Lebensstil&qout;.
Interkultur
Es handelt sich hierbei weniger um einen Raum als um einen Prozessbegriff:
Interkulturen entstehen dann, wenn Beteiligte aus konzeptuell unterschiedlichen
Lebenswelten A und B miteinander agieren bzw. kommunizieren. Interkulturen
existieren dementsprechend auch nur in Abhängigkeit ihrer Beteiligten.
Sie ereignen sich: sie werden permanent neu erzeugt, und zwar
im Sinne eines Dritten, einer Zwischen-Welt C, die weder der Lebenswelt
A noch der Lebenswelt B vollkommen entspricht. Weil es sich um ein Handlungsfeld,
um einen Prozess handelt, ist eine Interkultur also gerade nicht statisch
als Synthese von A und B im Sinne eines 50:50 oder anderswie gewichteten Verhältnisses
zu denken. Vielmehr kann in dieser Begegnung im Sinne eines klassischen Lerneffekts
eine vollständig neue Qualität, eine Synergie, entstehen, die für
sich weder A noch B erzielt hätten.
Videocast der IWK-Jena zum Thema "Interkulturalität"
interkulturell - intrakulturell
Im Gegensatz zu inter- verweist die Vorsilbe intra-"nicht
auf ein drittes Dazwischen, sondern auf ein Innerhalb.
Im Sinne des weiten Kulturbegriffs ist damit folglich die Interaktion zwischen
Angehörigen von Subkulturen innerhalb eines Lebenswelt-Netzwerkes als
intrakulturell zu bezeichnen. Diese Differenzierung ist allerdings notwendig
unscharf und muss es auch bleiben, weil die Grenzen zwischen Inter- und Intrakulturalität
fließend sind. Erklärbar wird aber, dass und warum z.B. oberflächenstrukturell
ein deutscher und ein chilenischer Bäcker mehr Gemeinsamkeiten aufweisen
und sich eventuell besser verstehen als der gleiche deutsche Bäcker mit
seinem Nachbarn, einem deutschen Mathematiker.
Interkulturelle Trainings und Übungen
In Deutschland befasst man sich erst seit den achtziger Jahren intensiver
mit der Konzeption interkultureller Lernprogramme. Auch die Zahl der ausgebildeten
Trainer ist noch relativ gering, da entsprechende Studiengänge ebenfalls
erst ab den späten achtziger Jahren eingerichtet wurden.
Nachstehende Übersicht über die derzeit am häufigsten verwendeten
Trainingstypen erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sondern dient
eher der Orientierung. Grundsätzlich unterscheidet man zwischen Trainings,
die abgekoppelt von der Arbeitssituation stattfinden (etwa im Sinne von Weiterbildungsmaßnahmen:
off-the-job) und Trainings- bzw. Betreuungsmaßnahmen, die
vor Ort am Arbeitsplatz durchgeführt werden (on-the-job).
Trainings-off-the-job wiederum werden inhaltlich danach kategorisiert, ob
sie allgemein-kultursensibilisierend oder kulturspezifisch ausgerichtet sind.
Methodisch unterscheidet man zwischen konventionellen dozentenbezogenen und
eher teilnehmerzentrierten, erfahrungsorientierten Unterrichts- bzw. Seminarformen:
Interkulturelle Trainings

Welche der Trainingstypen im Einzelfall gewählt werden, hängt nicht
zuletzt von der Zielgruppe und den Trainingsbedingungen ab. So werden beispielsweise
Rollenspiele mit fiktiven Handlungskontexten von Führungskräften
erfahrungsgemäß weniger akzeptiert als von Jugendlichen, während
letztere nicht unbedingt für kulturtheoretische Fragestellungen zu begeistern
sind.
Interkulturelle Lernbereitschaft
Bereitschaft, interkulturelle Situationen als Lernsituationen und nicht als
Bedrohung oder notwendiges Übel betrachten. Dies sollte verknüpft
sein mit einer Neugierde auf Fremdes.
Kommunikationsfähigkeit
Vermögen, initiativ auf andere zugehen und Kommunikationsnetzwerke errichten
zu können. Dies gilt vor allem dann, wenn Situationen problematisch erscheinen
und man sich am liebsten zurückziehen würde.
Konsens
Das Ziel interkulturellen Handelns liegt nicht darin, einen Konsens um
jeden Preis zu finden. Diese häufig vertretende Meinung kann dazu
führen, dass sich mindestens einer der Beteiligten in ein Prokrustesbett
gezwängt fühlt und damit aber auch seine eigene Identität nicht
mehr entfalten kann. Aus diesem Grund ist es sinnvoll, zwar im Sinne der Bedeutung
des lateinischen Wortes communicare gemeinschaftlich zu handeln,
dabei aber kulturelle Differenzen durchaus bewusst zu halten und sich darüber
zu verständigen.
Kulturbegriff
Im Gegensatz zu dem zumeist auf Kunst und "Geisteskultur" eingegrenzten engen Kulturbegriff des Feuilletons, bezieht sich der erweiterte
Kulturbegriff eher auf allgemeine lebensweltliche Zusammenhänge. Hierzu zählen Religion, Ethik, Recht, Technik, Bildungssysteme, materielle
und immaterielle Produkte ebenso wie Umweltprobleme. Ein solcher erweiterter Kulturbegriff wird durch Eingrenzungen z.B. auf nationale und
geographische Territorien oder auf bestimmte Zeit-Räume geschlossen und fungiert damit gleichzeitig als Abgrenzungsbegriff. Vor dem Hintergrund
der beginnenden Auflösung nationalstaatlicher Strukturen und der verstärkten Etablierung transnationaler Organisationen wird gegenwärtig
vielfach ein offener Kulturbegriff favorisiert. "Kulturen" werden in diesem Verständnis durch beliebige, mehr oder minder große Kollektive
repräsentiert, die nach außen durch offene Netzwerkverbindungen charakterisiert sind. Eine Community im Internet stellt in diesem Sinne ebenso
eine "Kultur" dar, wie es bei einem Nationalstaat der Fall ist. Durch den offenen Netzwerkcharakter der jeweiligen Kollektive wird vor
allem die Prozesshaftigkeit und Wandelbarkeit von "Kulturen" betont.

Kulturdimensionen
Von Geert Hofstede in den 60er Jahren entwickeltes Indexsystem, das Wertorientierungen unterschiedlicher Kulturen identifiziert, misst und in Zahlenwerten
darstellt. Das Indexsystem definiert fünf kulturelle Dimensionen, nämlich "Machtdistanz", "Kollektivismus/ Individualismus",
"Maskulinität/ Feminität", "Unsicherheitsvermeidung" und "Langfrist-/ Kurzfristorientierung". Aufgrund einer in 50
Ländern unter 116.000 IBM-Mitarbeitern durchgeführten Befragung erstellte Hofstede Länderindices, denen z.B. die jeweiligen Ausprägungen
der einzelnen Kulturdimensionen zu entnehmen sind. Die inzwischen 40 Jahre alten Daten lassen die Studie heute nur noch aus historischer Sicht interessant
erscheinen. Hinzu kommt, dass heute mit dem hier verwendeten geschlossenen Kulturbegriff nicht mehr angemessen argumentiert werden kann.
Kulturschock
Ausgeprägte und stark persönlichkeitsverändernde Fremdheitserfahrung,
die zu erheblichen Handlungshemmungen führt. Ein soclcher. Kulturschock
kann, muß aber keineswegs zwangsläufig auftreten, wenn man für
einen längeren Zeitraum im Ausland lebt und in seine Heimat zurückkehrt.
Der Erfinder dieses Begriffs, Kalvero Oberg, hat bereits 1960
verschiedene Phasen des Kulturschocks beschrieben, die sich idealtypisch in
einem U-förmigen Verlauf anordnen lassen. Sie lassen sich wie folgt beschreiben:
(1) Euphorie: Man freut sich auf das Neue und reagiert anfangs überschwänglich,
weil man nur das (positiv) Erwartete wahrnimmt.
(2) Missverständnisse: Man erkennt die Normalitätsregeln der Zielkultur
teilweise nicht und erzeugt Missverständnisse, weist sich aber als Neuankömmling
die Schuld selbst zu.
(3) Kollisionen: Die Ursachen der Missverständnisse bleiben einem verborgen,
man weist den anderen die Schuld zu, resigniert teilweise und neigt zu einer
starken Aufwertung der eigenen Kultur.
(4) Unterschiede werden akzeptiert und Widersprüche ausgehalten. Man
bemüht sich um ein Verstehen.
(5) Akkulturation: Man versteht die Unterschiede weitgehend und tendiert zur
Übernahme fremdkulturspezifischer Verhaltensmerkmale.

Kulturwissen
Wissen primär nicht über kulturelle Fakten und Normen
als vielmehr über deren Hintergründe und die Systemzusammenhänge
der eigenen und der fremden Kultur.
Lingua franca
Sprache, die von Kommunikationspartnern mit unterschiedlichen Ausgangssprache verwendet wird, um die Kommunikation zu erleichtern. Eine klassische
lingua franca ist heute das Englische.
Metabild
Unsere Wahrnehmung von Eigenem und Fremden ist über das direkte Wechselspiel
von Selbst- und Fremdverständnis hinaus auch wesentlich dadurch geprägt,
was wir annehmen bzw. vermuten, was andere von uns denken und erwarten. Man
spricht in diesem Zusammenhang von Metabildern. Wenn ich z.B.
vermute, dass der Andere von mir erwartet, dass ich in einer bestimmten Kleidung
zu einer Veranstaltung gehe, die er auch besucht, so kann diese Vermutung
bzw. dieses Metabild für mich durchaus handlungsleitend sein und mich
zur Wahl entsprechender Kleidungsstücke motivieren. Hieraus folgt: Wenn
wir Fremdes (und Eigenes) wahrnehmen und verstehen, dann geschieht dies immer
auf der Grundlage des wechselseitigen Zusammenhangs von Selbst-, Fremd- und
Metabildern.
Metakommunikation
Fähigkeit, über Kommunikationsprozesse zu kommunizieren oder m.a.W.:
Probleme, die im interkulturellen Handeln auftreten, mit allen Beteiligten
früh genug thematisieren können.
Missverständnisse, interkulturelle
Viele interkulturelle Missverständnisse und Probleme resultieren daraus,
dass man sich der Kulturgebundenheit der eigenen und der spezifischen Wahrnehmungsweise
seines fremdkulturellen Partners nicht hinreichend bewusst ist: Es werden
Dinge und Sachverhalte als unhinterfragt normal angesehen, die
für die Wahrnehmungsgewohnheiten des anderen keineswegs plausibel sind.
Wird dieser Plausibilitätsmangel nicht thematisiert (--> Metakommunikation)
oder wird der Sachverhalt solange um-interpretiert, bis er aus
der eigenen Sichtweise heraus plausibel zu scheint, bauen alle weiteren Interaktionen
zwischen den Beteiligten auf der trügerischen Annahme auf, man hätte
z.B. eine gemeinsame Argumentationsbasis. Faktisch argumentiert man jedoch
auf ganz unterschiedlichen Ebenen (ohne es zunächst zu merken). Wenn
das gegenseitige Missverstehen dann offenkundig wird, ist die eigentliche
Ursache meistens gar nicht mehr bekannt, womit es dann umso schwieriger wird,
eine neutrale Beziehungsebene zurückzuerlangen.
Multikulturalität
Während sich Interkulturalität auf den Prozeß
und die Dynamik des Zusammenlebens bezieht, wird mit Multikulturalität
in erster Linie eine soziale Organisationsstruktur bezeichnet. Ist das Inter-agieren,
die Interkulturalität, innerhalb multikultureller Gruppen relativ schwach
ausgeprägt, werden die Gruppenmitglieder nebeneinander existieren. Je
stärker die Interkulturalität ausgeprägt ist, desto eher wird
es folglich auch ein Miteinander geben können. Unter diesem Aspekt lassen
sich drei Varianten von Multikulturalität unterscheiden:

Normalität
Erwartete Normen und Routinen z.B. des Alltags treten ein und werden als solche
nicht hinterfragt, weil sie eine Plausibilität der Handlungskontexte
garantieren. Normalitätserfahrungen zählen zu den Bedingungen, um
etwas als kulturell Eigenes deklarieren zu können.
Oberflächen-/ Tiefenstrukturen
Kulturen verfügen über eine sog. Oberflächenstruktur, die wahrnehmbar
ist, wie etwa Gebäude, Riten oder auch die Sprache. Die Tiefenstruktur
liefert das Konzept, die in dieser Kultur bekannten Bedeutungen und Interpretationen
des Wahrnehmbaren (Wertesystem). So sagt etwa die Raumaufteilung in Bürogebäuden
sehr viel über gesellschaftlich praktizierte Rangordnungen aus, wie umgekehrt
die Raumaufteilung auch ein wichtiges Element darstellt, um derartige Rangordnungen
zu tradieren oder zu modifizieren. (--> Eisbergmodell)
Offenheit
Offenheit bezieht sich vor allem auf die Bereitschaft Erfahrungen zu sammeln.
Je mehr man sich Erfahrungen von Fremdem öffnet, desto differenzierter
bilden sich die eigenen Wahrnehmungsschemata aus. Dies ist wiederum Voraussetzung,
um stereotype Denkweisen aufzubrechen. --> Flexibilität
Plausibilität
Neben dem Empfinden von Normalitöt und der Möglichkeit zu Routinehandeln zählt Plausibilität zu den wesentlichen Faktoren,
um eine bestimmte Umwelt oder "Kultur" als "eigene" klassifizieren zu können.
Polyzentrismus
Als Gegenteil von --> Ethnozentrismus: Der Versuch,
interkulturelle Handlungszusammenhänge nicht vor dem Hintergrund der
eigenkulturellen Erfahrungen zu interpretieren; Anerkennen der Eigenständigkeit
anderer Kulturen; Bereitschaft, kulturspezifische Wertungen zu relativieren.
Reintegration
"Wiedereingliederung" in den kulturellen Ausgangskontext - z.B. nach einer Auslandsentsendung. In der interkulturellen Personalentwicklung wird
Reintegrationsmaßnahmen eine zentrale Bedeutung bereits während der Entsendung beigemessen. Sie zählen zur Karriereplanung der Entsandten und
spielen vor allem in Hinblick auf die Mitarbeitermotivation eine entscheidende Rolle.
Reziprozität
Rückbezüglichkeit, Wechselseitigkeit: Eine grundlegende Bedingung für den Aufbau von Interaktionsbeziehungen und für die Konstituierung von
"Kulturen" i.S. von Lebenswelten.
Rollendistanz
Unter Rollendistanz versteht man die Fähigkeit, sich gleichsam
selbst auf den Kopf gucken, sich also in seinem eigenen Handeln
beobachten zu können. Damit vergegenständlicht man in gewisser Weise
natürlich auch den gesamten (interkulturellen) Handlungskontext, was
es erleichtert, die Differenz zwischen Eigenem und Fremdem zu reflektieren.
Selbstbeobachtung in diesem Sinne ist letztlich auch eine Grundlage für
selbstkontrolliertes Handeln, was keineswegs auf Emotionslosigkeit hinauslaufen
soll oder muss.
Schema
Kognitive Struktur, die Wahrnehmungen bzw. Wissen organisiert. Vermutlich
sind Schemata als Cluster organisiert. Man kann sich dies am Beispiel von
Assoziationsketten verdeutlichen: Z.B. werden Assoziationen zum Begriff Einsamkeit
kulturell sehr unterschiedlich ausfallen und auch zu sehr unterschiedlichen
Assoziationsnetzwerken weiterleiten. Je differenzierter derartige Schemata
ausgeprägt sind, desto geringer ist die Gefahr einer stereotypengeprägten
Weltsicht.
Selbstbild Fremdbild
Das eine existiert nur in Abhängigkeit vom anderen: Bei Definitionen
des Fremden kommen nicht objektive Kriterien zur Geltung, die
Einschätzung dieses Fremden in Bezug auf einen selbst. Unsere Beziehung
zum Anderen entscheidet darüber, wie fern oder "fremd"
es für uns ist. Viel folgenreicher noch ist der Umstand, dass wir nicht
nur das andere, sondern auch uns selbst über die Einschätzung dieser
Beziehung definieren; ein Sachverhalt, der deutlich in dem von Psychologen
und Philosophen häufig verwendeten Gegensatzpaar ego alter ego
zum Ausdruck kommt. Kurz gesagt: Wir definieren uns immer im Verhältnis
zu anderen und umgekehrt. Hierbei handelt es sich in der Regel nicht
um einmalige Definitionen: ob ich mich als mager, dünn,
vollschlank oder dick bezeichne, hängt unter
anderem auch davon ab, in welchem Bezugsverhältnis ich mich auf eine
bestimmte Art und Weise einschätze. Fest steht, dass ein Selbstverständnis
nicht möglich wäre, wenn es nicht den Anderen, Fremden
gäbe, mit dem ich mich vergleichen könnte. Umgekehrt ist auch mein
Verständnis des Fremden in erster Linie davon abhängig, wie ich
mich selbst in dieser Beziehung sehe.
Man spricht in diesem Zusammenhang von Selbst- und Fremdbildern, die in einem
wechselseitigen Zusammenhang stehen und außerhalb dieses Zusammenhangs
auch nicht denkbar wären. So können sich Selbsteinschätzungen
in Abhängigkeit zu unterschiedlichen Fremdbildern vollkommen verändern.
Das lässt sich an einem Beispiel gut vorstellen, wenn man überlegt,
wie sich z.B. wirtschaftliche Stärke aus deutscher Perspektive
einerseits in Bezug auf die USA, andererseits in Bezug auf Mali definiert.
Selbstdisziplin
Selbst kontrolliertes Verhalten praktizieren; Fähigkeit zu Selbstorganisation
und Zeitmanagement.
Stereotype
Fossilierte (verhärtete) --> Schemata,
mit denen wir wahrgenommene Eindrücke, Bilder etc. einordnen, kategorisieren.
Synergiebewußtsein
Nicht an bestehenden Strukturen festhalten, sondern prozessorientiert handeln,
Zufälligkeiten zulassen (kreatives Chaos) und die Entstehung
von qualitativ Neuem, das weder für die eine noch für die andere
Kultur typisch ist, befördern.
Thematisierung
vgl. --> Metakommunikation: Unklare und eventuell
missverständliche Situationen in der interkulturellen Kommunikation als
solche ansprechen und nicht nach dem Motto es wird sich schon von selbst
regeln verdrängen.
Toleranz
Verknüpft mit Empathie: Toleranz besteht z.B. darin, kulturelle Andersheit
nicht zu bewerten, sondern als Andersheit zu akzeptieren und nach Möglichkeit
zu verstehen suchen.
Transkulturalität
in den 90er Jahren von dem Philosophen W. Welsch geprägter Begriff, der vor dem Hintergrund der aktuellen Globalisierungsprozesse vor allem die
Offenheit kultureller Netzwerke einschließlich möglicher Hybridbildungen betont und damit einem offenen Verständnis von "Interkulturalität" entspricht.
Missverständlich wird der Begriff T. vor allem in Teilen der interkulturellen Pflegewissenschaft verwendet, sofern die Vorsilbe "trans-"
dort zur Bezeichnung eine gemeinsamen "allgemeinmenschlichen" Basis jenseits aller kulturellen Divergenzen suggeriert wird.
Unternehmenskultur
Je stärker Unternehmen international vernetzt sind, desto offener und allgemeiner müssen die unternehmenskulturellen Grundsätze bzw.
"Unternehmensleitlinien" formuliert sein. Wechselnde Allianzen oder befristete Kooperationen sind unter der Maßgabe einer detailliert
ausformulierten "Leitkultur" oder einer eng gefassten "Corporate Identity" in internationalen Kontexten heute nicht mehr denkbar.
Vorurteile
Einstellungen gegenüber Menschen oder Menschengruppen, die ähnlich
wie --> Stereotype durch Fossilierung charakterisiert
sind. Vorurteile können auch positiv sein: Jemand ist gut, weil er immer
schon gut gewesen ist (--> Stereotyp)
Wertewandel
Wertewandel und kultureller Wandel sind ineinander verflochten. Je komplexer die Kollektive sind, desto weniger ist deren Wandel steuerbar. Er vollzieht
sich weitgehend als "invisible hand"-Prozess.
Xenologie
Fremdheitslehre (von gr. "xenos": fremd)
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